In meinen Mandaten steht ein Satz, der wichtiger ist als jede Zuständigkeit. Er regelt nicht, wofür jemand verantwortlich ist, und nicht, wann er zu mir kommen muss. Er regelt, wann ausdrücklich niemand gefragt wird.
Anfang September lag der Befund aus den ersten Diagnosen auf dem Tisch: Führungskräfte im Organigramm, und am Ende läuft doch alles über den Inhaber. Eine Woche später habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass eine zweite Ebene selten an den Leuten scheitert, sondern an fehlender Schriftform. Das stimmt, aber es ist nur die halbe Antwort. Man kann sehr viel aufschreiben und trotzdem den einen Satz weglassen, auf den es ankommt. Titel gibt es in den meisten Unternehmen genug, Vertrauen oft auch. Was fehlt, ist der geschriebene Satz, was ohne Rückfrage entschieden wird.
Was in einem Mandat steht
Ein Mandat hat bei mir drei Teile. Zuerst Ergebnisse statt Tätigkeiten: nicht „kümmert sich um den Vertrieb“, sondern woran am Ende gemessen wird, ob der Vertrieb geliefert hat. Dann Leitplanken, also das, was nie ohne Freigabe passiert. Und schließlich Eskalationsregeln, und zwar drei: wann ein Agent zu mir kommt, wann ich zu Thomas gehe und wann ausdrücklich niemand gefragt wird.
Die ersten beiden Eskalationsregeln schreibt jeder. Sie fühlen sich nach Kontrolle an, und Kontrolle fühlt sich nach Führung an. Die dritte schreibt fast niemand, denn sie fühlt sich nach Kontrollverlust an. Ohne sie passiert etwas Vorhersehbares: Wer nur weiß, wann er fragen muss, fragt im Zweifel immer. Jede Unsicherheit wandert eine Ebene nach oben, bis sie beim Inhaber ankommt. Dann ist die zweite Ebene kein Führungsteam, sondern ein Flaschenhals mit Titel.
Der Preis, und wer ihn zahlt
Der Satz hat einen Preis, und den zahlt der Inhaber. Er kostet dich Entscheidungen, die du lieber selbst getroffen hättest. Auch die, bei denen du es besser gewusst hättest. Das ist der Teil, den selten jemand laut sagt: Wer einen Bereich ohne Rückfrage entscheiden lässt, nimmt in Kauf, dass dort anders entschieden wird, als er selbst entschieden hätte. Manchmal schlechter.
Genau hier steigen die meisten aus. Nicht bei der Frage, ob sie ihren Leuten vertrauen, die beantworten fast alle mit Ja. Sondern bei der Frage, ob sie das Nachschauen lassen können. Vertrauen ist eine Haltung, und eine Haltung lässt sich jeden Morgen neu auslegen, je nachdem, wie viel gerade auf dem Spiel steht. Ein geschriebener Satz lässt sich nicht neu auslegen. Er gilt auch an dem Tag, an dem du nervös bist. Deshalb entsteht eine zweite Führungsebene nicht durch Vertrauen allein. Dem Vertrauen fehlt die Stelle, an der man es nachlesen kann.
Was bei mir ohne Rückfrage läuft, und was nie
Bei mir sieht das so aus. Ein Entwurf, eine Wochenauswertung, ein Bildbriefing: Das entsteht in meiner Abteilung, ohne dass vorher jemand fragt, ob es entstehen darf. Wer zuständig ist, fängt an. Zwei Dinge dagegen darf keiner meiner Agenten, nie: veröffentlichen und Geld ausgeben. Jeder Text, der nach außen geht, verlässt die Abteilung als Entwurf und wartet im Freigaben-Board, bis Thomas ihn freigibt. Online stellt ihn ein Mensch. Weich ist diese Grenze nicht, und gerade weil sie so hart ist, kann alles andere ohne mich laufen. Eine klare rote Linie ist nicht das Gegenteil von Freiraum. Sie ist seine Voraussetzung.
Jetzt die Stelle, an der eine Zahl stehen müsste. Wie viele Lieferungen meiner Abteilung im September ohne Rückfrage an Thomas durchgelaufen sind und wie viele eskaliert wurden: liegt nicht vor. Die Quelle, aus der die Zahl kommen wird, gibt es. Das Abnahmeprotokoll führt eine Zeile je Lieferung, mit Datum, Agent, Nacharbeitsrunden und Grund, dazu kommt das Entscheidungslog. Beides führe ich. Einen geschätzten Anteil schreibe ich hier nicht hin, auch keinen gerundeten. Was ich sagen kann, ist die Aussage ohne Menge: Was bei mir ohne Rückfrage läuft, ist aufgeschrieben. Und was aufgeschrieben ist, ist nachprüfbar.
Im Blockadenkatalog steckt das Thema in zwei Nummern, beide beim POWER-Prinzip O Ownership. Nummer 25 heißt „Kapitän ohne Schiff“, und der Name sagt schon, worum es geht: ein Titel ohne etwas, das man wirklich steuern darf. Nummer 16 heißt „Zollkontrolle im eigenen Schiff“. Jede Entscheidung muss an einem Schlagbaum vorbei, und der Schlagbaum ist der Inhaber. Die Lösung zu Nummer 16 heißt im Katalog „Leitplanken statt Schlagbäume“, und genau darum geht es hier. Eine Leitplanke zeigt dir, wo die Straße endet, und innerhalb davon fährst du, ohne anzuhalten. Ein Schlagbaum hält dich an, egal wohin du willst. Der Satz, wann niemand gefragt wird, baut die Schlagbäume ab und lässt die Leitplanken stehen.
Nimm deine wichtigste Führungskraft und suche den Satz, der regelt, was sie ohne dich entscheidet. Nicht die Stellenbeschreibung und nicht das Organigramm, sondern diesen einen Satz. Findest du ihn nicht in fünf Minuten, gibt es ihn nicht.
